Sattelzwang verstehen und lösen

Sattelzwang verstehen und lösen

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Sattelzwang bei Pferden: Korrektur ist oft komplex

Wenn ein Pferd beim Satteln Abwehrverhalten zeigt, wird das gerne als Ungehorsam oder „Anstellerei“ abgetan. Sattelzwang ist keine Unart, sondern ein deutlicher Hinweis darauf, dass etwas nicht stimmt.

Die Auslöser sind vielfältig und die Korrektur ist oft aufwendig und zeitintensiv. Selbst wenn die Ursachen, wie ein schlecht sitzender Sattel oder Rückenprobleme behoben wurden, kann das Verhalten weiterhin bestehen. Dies erfordert vom Besitzer nicht nur eine Menge Geduld, sondern unter Umständen auch einen längeren Verzicht auf das Reiten. Vor allem braucht es eine sorgfältige Ursachenforschung, denn ohne sie bleibt jedes Training wirkungslos.

In diesem Artikel erfährst du, wie Sattelzwang entsteht, wie er sich im Verhalten deines Pferdes äußert und warum es so wichtig ist, frühzeitig zu handeln. Je früher Ursachen erkannt und richtig angegangen werden, desto besser sind die Chancen auf eine nachhaltige Veränderung.

Typische Anzeichen von Sattelzwang bei Pferden

Ich verwende hier den Begriff Sattelzwang synonym mit dem Begriff Gurtzwang, obwohl beide streng genommen zwei verschiedene Problemstellungen beschreiben. In der Praxis treten sie jedoch oft gemeinsam auf und verstärken sich gegenseitig.

Pferde mit Sattel – oder Gurtzwang reagieren auf Berührung in der Sattel- oder Gurtlage häufig mit Überempfindlichkeitsreaktionen, wie vermehrtem Hautzucken.

Weitere Symptome können sein:

  • Kopfschütteln, ruckartiges Wenden des Kopfes zum Menschen
  • Blick abwenden, Ausweichen, Rücken wegdrücken
  • Erstarren oder Einfrieren
  • deutlich angespannte Muskulatur, hohe Kopf – Hals – Haltung
  • Ohren anlegen, Schweifschlagen
  • Bissandrohung oder Trittandrohung
  • In die Brust beißen oder unter den Bauch treten
  • In schweren Fällen: Hinschmeißen, auf den Boden werfen

Diese Reaktionen treten nicht immer gleich stark auf. Gerade zu Beginn sind sie oft subtil und werden leicht übersehen.

Ursachen von Sattelzwang

Sattelzwang entsteht meist nicht durch ein einziges negatives Erlebnis, sondern entwickelt sich schleichend. Zu Beginn zeigt das Pferd häufig nur leichte Anzeichen von Unbehagen. Bleiben diese unbeachtet und wirken die Belastungen weiter ein, kann sich das Problem mit der Zeit verfestigen. Häufig kommen mehrere Auslöser gleichzeitig zusammen.

Diese lassen sich grob in körperliche und trainingsbedingte Ursachen einteilen:

Körperliche Ursachen

  • Rückenschmerzen
  • Blockaden
  • ein unpassender Sattel
  • ein unpassender oder drückender Gurt
  • Magenprobleme

Trainingsbedingte Ursachen

  • schnelles oder grobes Gurten
  • Schmerzen oder Überlastung beim Reiten
  • zu frühes oder zu schnelles Anreiten
  • eine erzwungene dressurmäßige Haltung

Wie Sattelzwang beim Pferd entsteht

Erlebt ein Pferd über längere Zeit Schmerzen beim Reiten z.B. durch einen unpassenden Sattel oder Überlastung, reagiert der Körper zunächst mit Schutz- und Stressreaktionen. Bleiben die Schmerzen bestehen oder treten immer wieder auf, kann sich die Schmerzverarbeitung im Nervensystem verändern. Man spricht in diesem Zusammenhang vom Schmerzgedächtnis. Dabei handelt es sich nicht um eine Erinnerung an einen vergangenen Schmerz, sondern um eine anhaltende Sensibilisierung des Nervensystems auf vorhandenen Schmerz.

Je länger Schmerzen bestehen, desto empfindlicher reagiert der Körper:

  • Schmerzreize werden intensiver wahrgenommen
  • die Reizschwelle sinkt
  • der Organismus befindet sich zunehmend in einer erhöhten Alarmbereitschaft

Reize, die früher gut toleriert wurden, können plötzlich als deutlich unangenehm oder sogar schmerzhaft empfunden werden. Manche Pferde zeigen dann plötzlich beim Putzen oder bei Berührungen am ganzen Körper Abwehrverhalten und möchten sich teilweise gar nicht mehr anfassen lassen.

Genau hier liegt die Gefahr einer Chronifizierung: Je länger Sattelzwang anhält, desto stärker verfestigen sich schmerzbedingte Veränderungen im Nervensystem. Deshalb sollten erste Anzeichen von Unbehagen ernst genommen werden.

Zusätzlich kommt es zu einem Lernprozess im Sinne der klassischen Konditionierung. Der Sattel, der ursprünglich neutral war und keine Reaktion auslöste, tritt immer wieder gemeinsam mit dem Schmerz auf.

Mit der Zeit reicht allein der Sattel aus, um denselben unangenehmen inneren Zustand auszulösen, auch wenn die eigentliche Schmerzursache bereits behoben wurde.

Durch die negative Verknüpfung kann bereits der Anblick des Sattels Abwehrverhalten auslösen. Das Pferd denkt nicht darüber nach, sondern reagiert automatisch. Es wartet nicht erst ab, ob der Schmerz tatsächlich eintritt, sondern reagiert vorbeugend, denn es hat bereits gelernt, dass der Sattel Schmerzen verursacht. Manchmal reicht ein Auslöser der dann eine Kettenreaktion auslöst. Das Pferd reagiert dann auf verschiedene Reize, die mit dem Satteln oder Reiten zusammenhängen z.B:

  • das Auflegen der Schabracke
  • das Anheben des Sattels
  • oder schon das bloße Annähern mit dem Sattel
  • das Hochnehmen oder Befestigen des Sattelgurtes
  • das Klappern der Gurtstrippen
  • das Aufsteigen

Dieses Muster kann sich auch auf andere Situationen übertragen, z. B. beim Auflegen und Schließen einer Decke oder beim Putzen in der Gurt – und Sattellage.

Schmerz lässt sich nicht einfach „wegtrainieren“

Damit Sattelzwang dauerhaft aufgelöst werden kann, muss die Schmerzursache vollständig beseitigt werden und das Pferd braucht Zeit, neue schmerzfreie Erfahrungen zu machen.

Erst wenn sich das zugrunde liegende Gefühl (die negative Erwartungshaltung) ändert, kann sich auch das Verhalten dauerhaft verändern. Wenn der Schmerz weiterhin vorhanden ist, reicht oft ein einziger Auslöser, um das alte Verhalten sofort wieder hervorzurufen, selbst nach längerem Training.

Je länger Sattelzwang besteht, desto schwieriger wird es, die erlernten negativen Verknüpfungen wieder aufzulösen.

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Worauf es im Training bei Sattelzwang wirklich ankommt

Damit Sattelzwang dauerhaft aufgelöst werden kann, ist es entscheidend zu erkennen, welche Reize das Abwehrverhalten auslösen. Beim Sattelzwang reagiert das Pferd oft nicht nur auf den Sattel selbst, sondern auf bestimmte Handlungen, die mit dem Satteln verbunden sind.

Es gibt keine allgemeingültige Anleitung, die für jedes Pferd gleichermaßen funktioniert. Wie ein Training aufgebaut wird, hängt immer vom Pferd, seinen bisherigen Erfahrungen und seinem aktuellen Verhalten ab.

Warum Wiederholung allein Sattelzwang nicht auflöst

Ein häufiger Irrtum im Umgang mit Sattelzwang ist die Annahme, man müsse die Situation nur oft genug wiederholen, damit sich das Pferd „daran gewöhnt“. Genau das passiert jedoch häufig nicht. Wird der Reiz immer wieder in seiner vollen Intensität präsentiert, wird nicht nur das Abwehrverhalten verstärkt, sondern das Pferd fühlt sich auch in seiner negativen Erwartung, dass etwas Unangenehmes passiert weiter bestätigt.

Ebenso reicht eine Reitpause allein nicht aus. Zwar können akute Schmerzen abklingen, das erlernte Verhalten bleibt jedoch bestehen und kann beim nächsten Satteln sofort wieder aktiviert werden.

Um Sattelzwang wirklich aufzulösen,

  • muss die Schmerzursache vollständig beseitigt sein
  • müssen alle relevanten Auslöser identifiziert werden
  • müssen die einzelnen Reize gezielt und kleinschrittig neu gelernt werden

Lerntheoretische Grundlagen im Umgang mit Sattelzwang

Beim Auflösen von Sattelzwang greifen mehrere lerntheoretische Prozesse gleichzeitig ineinander:

  • Die erwartete negative Konsequenz bleibt aus
    Die frühere Verknüpfung zwischen Sattel und Schmerz wird abgeschwächt (Extinktion).
  • Durch wiederholte Darbietung des Sattels oder Teilen davon, kann sich eine Gewöhnung einstellen
    Der Sattel verliert nach und nach seine Bedeutung (Habituation). Wichtig dabei ist, das dass Satteln keine negativen Konsequenzen mehr nach sich zieht.
  • Das Satteln wird schrittweise in seiner Intensität verändert
    Einzelne Auslöser werden gezielt und kleinschrittig aufgebaut (systematische Desensibilisierung).
  • Der Sattel wird emotional neu bewertet
    Die negative Erwartung wird mit positiven Erfahrungen überlagert (Gegenkonditionierung).

Diese Prozesse laufen nicht isoliert ab, sondern greifen ineinander. Entscheidend ist, dass Reize so gewählt werden, dass das Pferd sie noch aushalten kann, ohne dabei überfordert zu werden. Wird die Belastung zu hoch, kann sich die bestehende negative Verknüpfung weiter festigen.

Sattelzwang Schritt für Schritt auflösen

Das Pferd reagiert bereits beim Anblick des Sattels. Der Mensch nähert sich mit dem Sattel und das Pferd legt die Ohren an und signalisiert deutlich, dass ihm diese Situation unangenehm ist. Noch bevor der Sattel überhaupt aufgelegt wird, ist bereits eine negative Erwartung aktiviert.

Schritt 1: Den ersten Auslöser erkennen

Zunächst wird genau beobachtet, wann die Reaktion des Pferdes beginnt. Zeigt es bereits Abwehrverhalten, wenn die Person mit dem Sattel aus der Sattelkammer kommt? Oder erst, wenn der Mensch neben der Schulter des Pferdes steht? Ziel ist es, den frühestmöglichen Punkt der Reaktion zu erkennen. Genau dort sollte das Training beginnen.

Schritt 2: Die Grenzen des Pferdes akzeptieren

Der Mensch nähert sich mit dem Sattel nur so weit, dass das Pferd den Reiz zwar wahrnimmt, aber noch nicht in deutliches Abwehrverhalten gerät. Der Sattel wird hier auf keinen Fall draufgelegt, denn das Pferd würde sich in seinem Verhalten weiter steigern. Das Akzeptieren der Grenze des Pferdes verhindert eine Bestätigung der negativen Erwartung und unterbricht damit den bestehenden Kreislauf.

Schritt 3: Vorhersehbare Abläufe schaffen

Der Reiz taucht auf und verschwindet wieder, ohne dass etwas Unangenehmes folgt. Daraufhin wird die Reaktionsstärke des Pferdes abnehmen. Erst wenn das Pferd auf die Annäherung nicht mehr reagiert, kann einen Schritt weiter gegangen werden. Wichtig dabei ist, dass sich der Mensch immer von der selben Seite, im selben Abstand und mit der selben Geschwindigkeit dem Pferd nähert, sonst tritt keine Gewöhnung ein.

Schritt 4: Neue positive Erfahrungen schaffen

Während der Reiz präsentiert wird (z. B. Mensch steht mit dem Sattel an der Schulter des Pferdes), kann zusätzlich etwas Angenehmes folgen, z.B. Futter. Dies dient nicht als „Belohnung für gutes Verhalten“, sondern zur Veränderung der emotionalen Bewertung des Reizes. Futter löst automatisch positive Emotionen aus. Dies kann genutzt werden, um dem Pferd eine neue positive Erfahrung mit dem Sattel zu ermöglichen. Der zuvor negativ besetzte Reiz kann so Schritt für Schritt positiv verknüpft werden.

Schritt 5: Anforderungen schrittweise erhöhen

Nach und nach werden weitere Schritte des Sattelns einzeln und in derselben Weise trainiert:

Schabracke auflegen, Sattel anheben, Gurt anlegen. Der Reiz wird erst dann gesteigert oder verändert, wenn der vorherige keine Reaktion mehr auslöst. Wie schnell die Anforderungen gesteigert werden können, hängt von der Reaktion des Pferdes ab.

Das Ziel ist nicht, Abwehrverhalten zu unterdrücken, sondern die zugrunde liegende negative Emotion abzubauen. Bestrafung verschlimmert die Situation nur. Erst wenn sich das innere Erleben des Pferdes verändert, verschwindet auch das Abwehrverhalten dauerhaft.

Sattelzwang löst sich selten von allein. Gezieltes Training kann helfen, den Sattel wieder positiv zu verknüpfen.

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